• (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)

    Bei aller Nähe zwischen Arbeiterlied und Volkslied bleibt es natürlich ein Unterschied, ob vom romantischen “Brunnen vor dem Tore” die Rede ist oder von der “Roten Fahne der Revolution”. Tatsächlich war die französische Revolution von 1789 der Zeitpunkt, an dem das moderne politische Lied auf der Bildfläche erscheint. Das bekannteste Beispiel aus dieser Zeit ist die Marseillaise, die im Refrain mit den Worten “Aux armes Citoyens” die Bürger der Republik zu den Waffen ruft. Das war zugleich der Moment, in dem das politische Lied seine ersten Gegner fand. Johann Wolfgang von Goethe, der zeit seines Lebens eine ausgesprochene Abneigung gegen die Marseillaise hatte, lernte das Lied der republikanischen Massen schon im Jahr seiner Entstehung kennen, als er 1792 einen erfolglosen Feldzug deutscher Fürsten gegen das revolutionäre Frankreich begleitete. Ähnlich allergisch reagieren auch die Studenten, die Goethe im “Faust” auftreten läßt: Der seit dem sprichwörtliche Ruf “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” schallt durch Auerbachs Keller, als es jemand wagt, statt burlesken Trinkliedern ein zeitkritisches Lied anzustimmen.

    Doch gerade die Marseillaise hatte in Deutschland auch viele Freunde. Vor allem die Arbeiterbewegung griff sie immer wieder auf – am erfolgreichsten war dabei der Text der vom Handwerker Jacob Audorf geschriebenen “Arbeitermarseillaise”, die eine zeitlang die Hymne der sozialdemokratisch orientierten Arbeiter wurde. Anlaß ihrer Entstehung war das Begräbnis des Arbeiterführers Ferdinand Lassalle. Angesichts der staatlichen Repression waren Trauermärsche für die Arbeiter eine der wenigen Gelegenheiten, gemeinsam in der Öffentlichkeit aufzutreten. Anders als das französische Original richtet sich die “Arbeitermarseillaise” nicht gegen einen äußeren Feind, sondern ruft die Arbeiter zum Kampf gegen die Unwissenheit auf:

    Der Feind, den wir am tiefsten hassen,

    der uns umlagert schwarz und dicht,

    das ist der Unverstand der Massen,

    den nur des Geistes Schwert durchbricht.

    Die politischen Forderungen sind allerdings deutlich an den Standards von 1789 orientiert:

    Das freie Wahlrecht ist das Zeichen,

    in dem wir siegen, nur wohlan’,

    Nicht predigen wir Haß den Reichen,

    nur gleiches Recht für jedermann.

    Auch Text und Melodie der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffenen “Internationale” orientiert sich übrigens an der Marseillaise.

    Die Marseillaise war zwar langfristig das erfolgreichste Lied der französischen Revolution, doch es war bei weitem nicht das einzige. Mit dem Aufstieg Napoleons und dessen Feldzügen, die ganz Europa überzogen, ging diese Periode allerdings vorläufig wieder zu Ende. Während der erneuten revolutionären Wellen, die 1830 und vor allem 1848 Europa durchlaufen sollten, gab es neue Konjunkturen des politischen Liedes. Doch in Deutschland entstanden während der sogenannten “Befreiungskriege” gegen die napoleonische Besatzung vorerst ganz andere Lieder: in ihnen spiegelt sich eine Mischung aus Patriotismus und Deutschtümelei. “Was ist des Deutschen Vaterland?” fragt etwa populäres Lied von Ernst Moritz Arndt aus dem Jahr 1813 und steckt als Antwort die nationalen Claims ab:

    So weit die deutsche Zunge klingt,

    und Gott im Himmel Lieder singt:

    das soll es sein, das soll es sein!

    Zum anderen wird die Nation durch die aggressive Abgrenzung von Frankreich beschworen:

    Das ist des Deutschen Vaterland,

    wo Zorn vertilgt den welschen Tand,

    wo jeder Franzmann heißet Feind,

    wo jeder Deutsche heißet Freund.

    Im Gegensatz zu solchen nationalistischen Gesängen betonen die Arbeiterlieder des 19. Jahrhunderts nicht nur den Wunsch nach Frieden und Völkerfreundschaft, sie krempeln zum Teil auch ganz bewußt die Texte patriotischer Lieder “internationalistisch” um, besonders gerne das in den 1840er Jahren entstandene Lied “Die Wacht am Rhein”. Der im Lied mit “Donnerhall” brausende Ruf der Nation zur Verteidigung der Rheingrenze wurde so umgelenkt in den Kampf für die sozialen Interessen der Arbeiter.

    Vorläufig gab es weder einen Nationalstaat noch eine demokratische Verfassung, denn nach dem Ende der Ära Napoleon wurde die alte obrigkeitsstaatliche Ordnung wiederhergestellt. Deutschland blieb ein Flickenteppich aus 39 Ländern, die mehr oder weniger absolut regiert wurden. Die demokratische Opposition, oft von den Studenten der Universitätsstädte getragen, wurde bespitzelt und unterdrückt. Pressefreiheit gab es schon gar nicht, dafür eine Liste der verbotenen Schriften, und natürlich der verbotenen Lieder.

    Eine zeitgenössische Karikatur zeigt die Versammlung einer Gruppe von Männern, denen der Mund verbunden ist. Anstatt zu reden denken sie nur. Das Thema der schweigsamen Diskussion ist auf einer Tafel an der Wand zu lesen: es geht um die Frage, “wie lange uns wohl das Denken noch erlaubt sein wird”. Es verwundert kaum, dass gerade in dieser Zeit das bereits aus dem 18. Jahrhundert stammende Lied “Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten” besonders populär wurde. Die heute bekannte Melodie ist zwischen 1810 und 1820 entstanden.

    Die Gedanken sind frei

    Wer kann sie erraten?

    Sie rauschen vorbei

    Wie nächtliche Schatten.

    Kein Mensch kann sie wissen,

    Kein Jäger sie schießen.

    Es bleibet dabei:

    Die Gedanken sind frei!

    Dass Gedanken auch die Schranken und Mauern eines Kerkers zerreißen, passte natürlich in die Zeit der “Demagogenverfolgung”. Man durfte sich allerdings nicht beim lauten Denken erwischen lassen. Der Vorteil dieses Liedes war, dass man es eigentlich nicht einmal singen mußte – bereits durch das Summen der Melodie konnte man dezidiert seine Meinung ausdrücken. Zur Tarnung wurde “Die Gedanken sind frei” aber oft auch mit einem unverdächtigen Volksliedtext gesungen.


  • (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • Autor&Copyright: Ansgar Warner