• (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • „Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)

    Der eigentliche Beginn des Arbeiterliedes in Deutschland setzt im Vorfeld der März-Revolution von 1848 ein, jener Zeit wachsender Unruhe, die man auch als “Vormärz” bezeichnet. Erst mit der Industrialisierungswelle der 1830er Jahre entstand überhaupt eine zahlenmäßig bedeutsame Arbeiterschaft, die nach und nach eigene kulturelle und politische Ausdrucksformen entwickelte. Karl Marx und Friedrich Engels begannen in dieser Zeit, eine politisch-ökonomische Kritik der bestehenden Herrschaftsverhältnisse zu entwerfen. Im Revolutionsjahr 1848 erschien ihr Kommunistisches Manifest unter dem berühmten Motto “Proletarier aller Länder, vereinigt euch!” Doch im Alltag spielten ebenso die neu entstehenden Arbeiterlieder eine Rolle dabei, dass sich die “Proletarier” in Deutschland als gesellschaftliche Gruppe ihrer Existenz bewußt wurden und sich in Gewerkschaften, Vereinen und später auch Parteien organisierten.

    Als das erste Beispiel für das deutsche Arbeiterlied gilt das in den Schlesischen Weberaufständen von 1844 spontan und anonym entstandene Weberlied Das Blutgericht. Die Löhne für traditionelle handwerkliche Arbeit in der Textilindustrie waren durch die High-Tech-Konkurrenz vor allem aus England unter das Existenzminimum gedrückt worden. Unmißverständlich wird im Weberlied Anklage erhoben gegen die verhaßten Fabrikanten, für die die Arbeiter an ihren Webstühlen in Heimarbeit für Dumpinglöhne schuften mußten.

    Hier im Ort ist das Gericht,

    viel schlimmer als die Femen,

    wo man nicht mehr ein Urteil spricht,

    das Leben schnell zu nehmen.

    Hier wird der Mensch langsam gequält,

    hier ist die Folterkammer!

    Hier werden Seufzer viel gezählt

    als Zeuge von dem Jammer.

    Karl Marx bezeichnete das Weberlied als “kühne Parole des Kampfes, worin [...] das Proletariat sogleich seinen Gegensatz gegen die Gesellschaft des Privateigentums in schlagender, scharfer, rücksichtsloser, gewaltsamer Weise herausschreit.”

    Die sozialen und politischen Hoffnungen, die auch viele Arbeiter und Handwerker mit der Märzrevolution von 1848 verbanden, erfüllten sich nicht. Die zahlreichen Lieder, die in den Jahren 1848/49 entstanden, zeigen somit zweierlei: die zeitgenössische Begeisterung für die erste deutsche Republik, genauso aber die Enttäuschung über ihr Scheitern. Oft schrieb man Lieder auch im Verlaufe der Ereignisse um. So verkündete etwa der Dichter Ferdinand Freiligrath 1843 unter dem Titel “Trotz alledem” noch optimistisch:

    Trotz alledem und alledem!

    Es kommt dazu trotz alledem,

    daß rings der Mensch die Bruderhand

    dem Menschen reicht trotz alledem!

    Als Freiligrath im Juni 1848 die zweite Fassung mit dem Titel “Das war’ne heiße Märzenzeit” zu Papier brachte, war Deutschland zwar (vorläufig) eine Republik, hatte eine demokratische Verfassung und ein frei gewähltes Parlament, das in der Frankfurter Paulskirche tage. Doch in Berlin regierte noch immer der preussische König, in Wien regierte der österreichische Kaiser, und je mehr faule Kompromisse die bürgerlichen Abgeordneten mit den alten Mächten eingingen, desto stärker stellte sich die Frage, wofür die Arbeiter zu Beginn der Revolution eigentlich auf die Barrikaden gegangen waren:

    Das war ‘ne heiße Märzenzeit,

    trotz Regen, Schnee und alledem!

    Nun aber, da es Blüten schneit,

    nun ist es kalt,

    trotz alledem,

    ein schnöder, scharfer Winterwind

    durchfröstelt uns trotz alledem!

    Trotz des Scheiterns der Revolution von 1848 hatte die Arbeiterbewegung in den folgenden Jahrzehnten steten Zulauf. Ein wichtiges Mittel um auf sich aufmerksam zu machen war dabei das Arbeiterlied, denn bei allen öffentlichen Gelegenheiten – ob Demonstrationen und Protestmärsche, Feiern oder Begräbnisse von bedeutenden Arbeiterführern – wurde publikumswirksam gesungen, zum Beispiel die bereits erwähnte “Arbeitermarseillaise”.

    Das Singen von Arbeiterliedern war Teil einer “alternative culture” von links: in Opposition zur bürgerlichen Kultur schuf sich die Arbeiterbewegung eigene Traditionen und Rituale. Die in der sozialdemokratischen Partei organisierten Arbeiter beteiligten sich auch nicht am “Hurra-Patriotismus”, der mit der kriegerischen Reichsgründung in den Jahren 1870/1871 Einzug hielt. Anstelle patriotischer “Sedan-Feiern” (in Bezug auf die Eroberung der stragisch wichtigen französischen Festung Sedan) richteten die Arbeiter “Märzfeiern” aus, die sich gleichzeitig auf den Beginn der Revolution im März 1848 in Berlin bezogen und auf den Beginn des Pariser Kommune-Aufstandes im März 1871.

    Auch das im deutsch-französischen Krieg entstandene Lied “Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne” zeigt, dass die blutige “Realpolitik” der adligen und bürgerlichen Eliten gerade von den Arbeitern keineswegs enthusiastisch begrüßt wurde. In diesem Lied (das zeitgenössichen Berichten zufolge auch 1914 und 1939 noch von Arbeitern gesungen wurde) ist davon die Rede, dass die Soldaten “nicht gefragt” wurden und ihre Uniform nur “mit Widerstreben” tragen. Deutsche, Franzosen und andere Nachbarvölker werden dazu aufgerufen, sich “statt Blei zum Gruß die Bruderhand” zu geben, und die eigentlichen Verantwortlichen für den Krieg zur Rechenschaft zu ziehen:

    Auf laßt zur Heimat uns zurückmarschieren,

    von den Tyrannen unser Volk befrei’n,

    denn nur Tyrannen müssen Kriege führen,

    Soldat der Freiheit will ich gerne sein!

    Die Niederschlagung der Pariser Kommune führte in den 1870er Jahren dann zur Entstehung des auch heute noch am weitesten verbreiteten Kampfliedes der sozialistischen Arbeiterbewegung – nämlich der “Internationale”. Bis 1943 war dieses Lied die offizielle Hymne der Sowjetunion. Der ursprünglich französische Text von Eugène Pottiers bezog sich auf die “Internationale Arbeiterassoziation”. Dieser erste übernationalen Zusammenschluss von politisch unterschiedlich ausgerichteten Gruppen der Arbeiterbewegung war 1864 von Karl Marx in die Wege geleitet worden. Die bis heute populärste deutschsprachige Nachdichtung schuf Emil Luckhardt im Jahr 1910 – gegenüber dem Original ist sie übrigens etwas weniger radikal und geradezu romantisierend:

    Wacht auf, Verdammte dieser Erde,

    die stets man noch zum Hungern zwingt!

    Das Recht wie Glut im Kraterherde

    nun mit Macht zum Durchbruch dringt.

    Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!

    Heer der Sklaven, wache auf!

    Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger

    Alles zu werden, strömt zuhauf!

    Völker, hört die Signale!

    Auf zum letzten Gefecht!

    Die Internationale

    erkämpft das Menschenrecht.


  • (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • Autor&Copyright: Ansgar Warner