Leseprobe (HTML)



  • (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • Songs von den brennenden Zeitfragen

    Deutschland an einem Samstag, irgendwann in den Nuller Jahren des 21. Jahrhunderts. Der DGB hat unter dem Motto “Das geht auch besser” zu bundesweiten Demonstrationen aufgerufen. In Frankfurt am Main sind zehntausende Menschen mit roten Buttons und roten Fahnen auf der Straße. Der Block der DGB-Jugend wird von einem großen LKW angeführt. Direkt von der Laderampe herab improvisiert ein deutsch-türkischer Rapper der Gruppe Microphone Mafia über ein schnurloses Mikro Polit-Sprechgesänge: “Wir sind nicht die Roboter der Deutschland-AG!” Die Menge antwortet mit rhythmischem Klatschen. Zwischen den Rap-Pausen wird Musik vom Band gespielt. Das Partisanenlied “Bella Ciao” ist zu hören, Brechts “Solidaritätslied” und schließlich: “Dem Morgenrot entgegen”. Wenn man sich umblickt, stellt man fest: gerade die jungen Kolleginnen und Kollegen rechts und links singen mit, zumindest den Refrain. Verstärkt durch das Playback aus den Boxen schallen zahllose Stimmen durch die Straßenschluchten des Frankfurter Bankenviertels: “Vorwärts, du junge Garde, des Proletariats!” Man hat den Eindruck: Das Lied vom Beginn des 20. Jahrhunderts ist in diesem Moment ihr Lied, genauso wie die Straße an diesem Tag ihnen gehört. An manchem Lächeln in den Gesichtern der Marschierenden meint man aber auch erkennen zu können: im Vergleich zum Live-Rap sind Text und Melodie doch ganz schön weit weg…

    Nähe und Ferne zugleich – das ist wohl typisch für das heutige Verhältnis zu einer Tradition, die nicht nur mit “Lyrics” und “Liner-Notes” zu tun hat, sondern auch mit Gesang, und zwar Gesang ohne Karaoke-Maschine. Lieder beherrschen zwar immer noch den Alltag der Massen, doch vermittelt über die Massenmedien. Lieder hört man sich an, man singt sie nicht mehr selbst, man singt sie höchsten noch mit, zum Beispiel auf Live-Konzerten. Doch sind das überhaupt noch Lieder, oder sind es Songs?

    “Wenn man gut singen kann, singt man ein Lied. Wenn man nicht so gut singen kann, singt man einen Chanson. Wenn man aber gar nicht singen kann, singt man einen Song”. So kündigt 1932 die Berliner Kabarett-Truppe Die Nachrichter dem Publikum ihren “Song von den brennenden Zeitfragen” an (die dann, denn es geht ja um Kabarett, im Song gerade nicht vorkommen…). Die Zuhörer der Dreissiger Jahre wußten offenbar ganz genau, was mit der Unterscheidung zwischen Liedern, Chansons und Songs gemeint war. Denn neben der Unterhaltungsmusik, die auch damals schon als Aufzeichnung von der Schallplatte bzw. im Radio hören konnte, erlebten sie in ihrem Alltag die Ausläufer einer heutzutage ausgestorbenen Tradition: die des mündlich überlieferten Arbeiter- und Volksliedes. Man sang die Lieder in der Familie oder bei der Arbeit, alleine oder gemeinsam, man sang sie aber auch auf öffentlichen Versammlungen oder beim Demonstrieren. Und viele Menschen sangen in ihrer begrenzten Freizeit semiprofessionell. Die sogenannte “Arbeitersängerbewegung” war – neben Abendschulen und Sportvereinen – eines der wichtigsten Elemente der Arbeiterkultur; in der Weimarer Republik zählte diese Bewegung ca. 280.000 Mitglieder.

    Auch der erste “Kontakt” von Kindern und Jugendlichen mit Liedern fand aktiv statt, denn im Handwerker- und Arbeitermilieu sangen Alt und Jung – wie wir heute sagen würden – “generationenübergreifend” zusammen. Ein pensionierter Berliner Arbeiter erinnerte sich in den 1950er Jahren in einem Gespräch mit der Arbeiterlied-Forscherin Ingrid Lammel an diese Zeit:

    “So war z.B. mein Vater, wenn er auf seinem Schusterschemel saß, ohne Singen gar nicht denkbar. Er sang alles mögliche und dazwischen natürlich Arbeiterlieder. Und sein Hammer klopfte den Takt dazu. Wir Kinder haben hierbei alle Lieder kennengelernt und feste mitgesungen.”

    “Alles mögliche und dazwischen Arbeiterlieder” – das weist darauf hin, dass die Trennung zwischen Arbeiter- und Volksliedern gar nicht so einfach ist. Oft hatten sie dieselben Melodien: So steht etwa über dem Text des vor rund 150 Jahren von Ludwig Würker geschriebenen Liedes “Arbeitertreue” die Bemerkung: nach der Melodie von “Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein” zu singen. Und so erklärt sich auch der heutzutage skurril klingende Hinweis über dem “Bundeslied” des von Ferdinand Lassalle gegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (1869 in der SPD aufgegangen): zu singen nach der Melodie von “Schleswig Holstein meerumschlungen”. Auch wenn uns die Melodie heute nicht mehr geläufig ist – der Text des “Bundesliedes” zeigt, wie tief die Inhalte von Arbeiterliedern auch in die “bürgerliche” Kultur eingedrungen sind. Die zehnte Strophe des vom Dichter Georg Herwegh geschriebenen “Bundesliedes” lautet nämlich:

    Mann der Arbeit, aufgewacht,

    und erkenne deine Macht:

    alle Räder stehen still,

    wenn dein starker Arm es will.

    Als Slogan oder als Presse-Zitat begegnen uns diese Zeilen auch heutzutage noch auf Schritt und Tritt – Herweghs Formulierungen sind zu einem geflügelten Wort geworden.


  • (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • Autor&Copyright: Ansgar Warner