• (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)

    Wenn man so will, wurde diese revolutionäre Parole am Ende des Ersten Weltkrieges tatsächlich in die Tat umgesetzt: Arbeiter, Matrosen und Soldaten marschierten im November 1918 in das Berliner Regierungsviertel und wollten das Deutsche Reich in eine sozialistische Räterepublik verwandeln. Ähnlich wie das revolutionäre Rußland im Jahr 1917 stand Deutschland vor einem Bürgerkrieg, und auch hierzulande war die Linke gespalten zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Dass am Höhepunkt der Krise die bürgerliche Weimarer Republik entstand, lag vor allem an der Rolle der SPD, die im entscheidenden Moment ein Bündnis mit den alten Eliten einging. In Berlin kam es während des sogenannten “Spartakus-Aufstandes” im Januar 1919 zu militärischen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf rechtsextremistische Freikorps-Soldaten die KPD-Politiker Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordeten.

    Diese für die gesamte Linke traumatische Erfahrung wird im Lied “Auf, auf zum Kampf” verarbeitet, in dem die Bereitschaft zur politischen Aktion mit einem Bekenntnis zu den zentralen Identifikationsfiguren der Arbeiterbewegung verbunden wird:

    Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!

    Zum Kampf sind wir geboren!!

    Auf, auf zum Kampf, zum Kampf!!

    Zum Kampf sind wir bereit!!

    Dem Karl Liebknecht, dem haben wir’s geschworen,!

    Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand.

    Das Text des Liedes wird zu der Melodie eines Soldatenliedes aus dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 gesungen – während manche Strophen wie etwa die oben zitierte identisch geblieben sind, hieß es im Refrain ursprünglich: “Dem Kaiser Wilhelm haben wir’s geschworen”. In der Übernahme ausgerechnet dieses Liedes – adaptiert wurde die Version von 1919 übrigens von Bertolt Brecht – spiegelt sich natürlich auch die bürgerkriegsähnliche Situation zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik.

    Die Kommunisten nutzten in der Weimarer Republik ihre Lieder im politischen Kampf in ähnlicher Weise wie zuvor im Kaiserreich die Sozialdemokraten. Auch die Versuche, sich obrigkeitsstaatlichen Verboten zu entziehen, ähnelten sich. Das Reichsgericht in Leipzig untersagte den Abdruck der Texte mehrerer Lieder, die in den Liederbüchern dann als unbedruckte weiße Flächen erschienen, aber mit Titel und Melodie sowie dem Hinweis “Text vom Reichsgericht der deutschen Republik verboten” versehen wurden. Überlieferte Exemplare zeigen, dass die Besitzer die Texte per Hand ganz einfach nachtrugen. Von solchen Verboten betroffen war etwa “Der Rote Wedding”, das wohl berühmteste Kampflied dieser Zeit.

    Die fortdauernde Spaltung der Linken zeigt sich in vielen damals entstandenen Liedern. Im “Lied vom Kompromiß” aus der Feder des Schriftstellers Kurt Tucholsky wird die Bündnispolitik der SPD-Regierung aufs Korn genommen:

    Freundlich schaun die Schwarzen und die Roten,

    die sich früher feindlich oft bedrohten.

    Jeder wartet, wer zuerst es wagt,

    bis der eine zu dem andern sagt:

    “Schließen wir nen kleine Kompromiß!

    Davon hat man keine Kümmernis.

    Einerseits – und andrerseits -

    so ein Ding hat manchen Reiz …

    Sein Erfolg in Deutschland ist gewiß:

    Schließen wir nen kleinen Kompromiß!

    Am Ende des Liedes wird dagegen deutlich festgestellt: “Durch Deutschland geht ein tiefer Riß, da schließt man keinen Kompromiß!”.

    Oft sind solche Produktionen Teil des in diesen Jahren entwickelten Konzeptes der “AgitProp”, d.h. der Agitationspropaganda. Textschreiber, Komponisten und Interpreten arbeiteten hier Hand in Hand. Bekannt sind auch heute noch Schallplattenaufnahmen von AgitProp-Liedern, die Bert Brecht geschrieben, Hanns Eisler komponiert und Ernst Busch gesungen hat.

    Viele populäre Lieder dieser Zeit belassen es nicht bei der Kritik der deutschen Zustände, sondern ergreifen Partei für die Sowjetunion. Das von Ernst Busch unter pompöser Orchestrierung gesungene Lied “Der heimliche Aufmarsch” macht die Argumentationsweise dieser Lieder besonders deutlich:

    Denn der Angriff gegen die Sowjetunion

    ist der Stoß ins Herz der Revolution,

    und der Krieg der jetzt durch die Länder geht,

    ist der Krieg gegen dich, Prolet.

    Oft wurden auch die Melodien von Liedern der russischen Arbeiterbewegung übernommen – das war allerdings eine gängige Praxis selbst bei den Sozialdemokraten. Das auch heute noch auf SPD-Parteiveranstaltungen gesungene Lied “Brüder zur Sonne zur Freiheit” ist die Übersetzung einer bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen russischen Vorlage, die nach der Oktoberrevolution durch den Dirigenten Hermann Scherchen auch in Deutschland bekannt wurde.

    Immer wieder wurden auch ganz aktuelle Ereignisse in Liedform gebracht und für die Propaganda genutzt. So trat die Berliner AgitProp-Truppe Die Roten Raketen Ende der Zwanziger Jahre mit dem “Gaslied” auf, in dem die Aufrüstungspolitik der Reichsregierung angeprangert wurde. Ironisch wird vom Arbeiterchor festgestellt:

    Mit dem Gas, das macht Spaß

    weils noch keiner kennt

    Panzerkreuzer sind das beste Friedensinstrument

    Tankgeschwader, Fliegerbomben

    nur für den Sport

    niemand denkt mehr an den Massenmord

    Am Ende steht im “Gaslied” der Roten Raketen die Forderung an die Zuhörer, sich den Arbeitern anzuschließen:

    Es vertreibt die Giftgaswolken am Horizont

    Das Heer der Arbeit – die Rote Front!

    Erst dann wird der Frieden nicht mehr gestört,

    Wenn dem Proleten die Welt gehört.

    Drum reih dich ein in die Rote Front!

    Das Lied wurde Ende der 1960er Jahre vom Liedermacher Erwin Jedamus für die Friedensbewegung aktualisiert und endet mit den Zeilen:

    Wenn die oben ‘Frieden’ sagen glaub ihnen nicht!

    Zwing die Bonner Herren zum Gewaltverzicht.

    “Reih’ dich ein in die Rote Front!”: wie die letzte Strophe des “Gasliedes” zeigt, war eine wichtige Aufgabe der AgitProp, musikalisch die Spaltung der Linken zu überwinden. Von der Bildung einer neuen Einheitsfront der Linken versprachen sich viele ein Gegengewicht zur Rechten, die seit der Wirtschaftskrise Ende der Zwanziger Jahre wachsende Erfolge verzeichnen konnte.

    Nach der “Machtergreifung” der Nationalsozialisten wurden nicht nur alle anderen Parteien verboten, sondern auch die Gewerkschaften aufgelöst. Oppositionelle politische Arbeit war zwischen 1933 und 1945 nur noch aus dem Ausland oder im Untergrund möglich. An diese Zeit erinnern zahlreiche Widerstandslieder, etwa das italienische Partisanenlied “Bella Ciao” oder das “Moorsoldaten”-Lied aus dem norddeutschen KZ Esterwege. Daneben gibt es zahlreiche antifaschistische Lieder aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Auch viele Freiwillige aus Deutschland kämpften in den sogenannten “Internationalen Brigaden” auf seiten der republikanischen Regierung gegen die faschistische Junta der Generäle.

    Die “Canciónes de la Brigada Internacional” (Lieder der Internationalen Brigaden) wurden schon während des Bürgerkrieges in zahlreichen Liederbüchern gesammelt und auch auf Schallplatten gepresst. In Deutschland kennt man vor allen Dingen die Neu-Einspielungen von Ernst Busch, die seit den 1960er Jahren in der DDR wie auch der Bundesrepublik erschienen sind. Doch auch spätere Liedermacher wie etwa Hannes Wader haben sich mit ihren Interpretationen der Canciónes an Buschs Stil orientiert, etwa mit Versionen von “Vier noble Generale haben uns verraten” oder “Spaniens Himmel breitet seine Sterne”, dem vielleicht populärsten Beispiel für die Bürgerkriegs-Lieder:

    Spaniens Himmel breitet seine Sterne,

    Über unseren Schützengräben aus,

    Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne,

    Bald geht es zu neuem Kampf hinaus.

    Die Heimat ist weit,

    Doch wir sind bereit.

    Wir kämpfen und siegen für Dich,

    Freiheit!

    Über die Widersprüche im Lager der Linken – vor allem über den “Bürgerkrieg im Bürgerkrieg” zwischen den moskautreuen Kommunisten und den anarchistischen Gewerkschaften – erfährt man in den Liedern der Internationalen Brigaden nichts. Der ostdeutsche Liedermacher Wolf Biermann hat sich jedoch in den 1970er Jahren in seinem LP-Album “Es gibt ein Leben vor dem Tod” mit der historischen Ambivalenz der Lieder zum spanischen Bürgerkrieg auseinandergesetzt. So setzt er etwa nach einer Interpretation des legendären Liedes “Spaniens Himmel breitet seine Sterne” einen nachdenkliche Kontrapunkt zur unkritischen Bürgerkriegs-Nostalgie:

    Wir saßen am Feuer im Dunkeln

    Und sangen das Spanienlied

    Die Alten kamen ins Schunkeln

    Die Jungen kamen ins Schwärmen

    Sie fanden den Abend so nett

    Du aber nicht. Ich sah dein Gesicht.

    Uns drehte sich das alte Lied

    Wie ein rostiges Bajonett

    In den Gedärmen.


  • (1) Songs von den brennenden Zeitfragen
  • (2) “Ein politisch Lied, ein garstig Lied!” (1789 – 1848)
  • (3) “Es kommt dazu trotz alledem” (1848 – 1914)
  • (4) „Und der Morgen grüßt schon aus der Ferne” (1914 – 1945)
  • (5) „Lieb Vaterland, wofür soll ich dir danken?” (1945 – 2000)

  • Autor&Copyright: Ansgar Warner